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Bericht zum Jugendlager 2017

 

Jugendlager 1

Habe ich alles?

Die Sporttasche steht im Flur, das Auto ist getankt, die Hallenschlüssel liegen in der Mittelkonsole, Getränke besorgt Achim, Nervennahrung besorgt Achim, die Liste hat – Achim. Normalerweise beruhigt einen vor einer Abfahrt der Gedanke: Was Du jetzt nicht hast, kaufst Du Dir einfach. In diesem Fall war es eher der Gedanke: Was Du jetzt nicht hast, hat Achim schon gekauft. Es beruhigt mich für einen kurzen Moment, doch dann überkommt mich ein Gefühl aus meiner Kindheit. Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als ich vor 17 Jahren das erste Mal nach Oberthal gefahren bin – und genau wie damals fällt mir nun siedend heiß ein, was selbst Achim nicht kaufen kann. Wo ist mein Pass? Dieses orangefarbene Ding mit den gelben Wasserflecken und dem Bild, das ich zur Belustigung meiner Freunde immer sehr gerne zeige. Er war schonmal beim Ersatzrad im Kofferraum, in der Couch – unvorstellbarerweise sogar einmal in meinem Ju-Jutsu Ordner. Kurzum: Er war schon überall und überall könnte er jetzt auch sein. Ich finde ihn natürlich in meiner Sporttasche und ziehe los. Vom 6. Bis zum 9. Oktober 2017 werde ich im Schullandheim in Oberthal schlafen, und obwohl diese Freizeitmaßnahme seit vielen Jahren während der Herbstferien stattfindet (so jedenfalls habe ich es bei Marc Seel abgeschrieben), wird doch alles irgendwie anders sein. Auf der Fahrt fällt mir ein, dass ich weder eine gelbe noch eine rote Karte habe. Na toll, niemand wird machen, was ich sage. Es wird noch nicht einmal still sein, wenn ich etwas sagen möchte, denn ein Glöckchen habe ich auch nicht. Panisch klopfe ich bei der Ankunft meine Jackentaschen ab. Da muss sich doch irgendetwas finden lassen – da! Tatsächlich, mein Kazoo! Ein hervorragendes Instrument, denn je schlechter man es spielt, desto besser hört es sich an.

 

Achims Wagen steht – wie viele Eltern mit Kindern vor der Tür. Ich eile durch die Menge hindurch und werde aufs Herzlichste begrüßt. Irgendwie ist mir in dem Moment klar, dass ich nicht alleine bin! Achim, Angelika, Angie, Benny, Daniela, Jonathan, Philipp, Simon und Stefan bilden das diesjährige Betreuerteam. Auf der „Gegenseite“ gibt es 68 Kinder zu bändigen. In diesem Moment weiß ich nichts von den eingeschleusten Zuckermassen und schätze unsere Chance auf ein erfolgreiches Wochenende als realistisch ein.  Einen Ablaufplan habe ich mehrfach aufgesetzt (ich hatte im ersten Stefan parallel geplant, im zweiten die Kaffeestückchen vergessen und so weiter) – und ich verrate an dieser Stelle nicht zu viel, wenn ich sage, dass er jeden Abend aufs Neue umgestellt wurde. Die großen Aufhänger sollten das Ju-Jutsu Sportabzeichen und ein Selbstbehauptungsparcours werden. So jedenfalls in meiner Welt. Der erste große Aufhänger allerdings ist schon der Check-In: Wer nimmt die Krankenkarten, welches Kind kommt in welches Zimmer, wir lernten direkt etwas über Unverträglichkeiten, und dass es die nicht nur beim Essen, sondern auch gegenüber anderen Kindern gibt. Aber dagegen gibt es ja das Allzweckmedikament Achim! Ruckzuck sind die Kinder neu eingeteilt.

Ruckzuck stehe ich auch vor der ganzen Meute und halte meine allererste Ansprache. Ich führe das Kazoo ein und schicke ein Stoßgebet los, dass der Kurs „Sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit“ etwas gebracht hat. Aus dem Kazoo trödelt eine Star Wars Melodie und ein Kind nach dem anderen wird von der Macht durchströmt. Ich sehe es an den Gesichtern – sogar die, die Star Wars noch nie gesehen haben, keinen einzigen Ton aus dem Krieg der Sterne kennen.

Der erste Abend wird aber noch besser, als mir Daniela eine „Oberthal Boss“ Jacke verleiht. Sie ist grau und hat eine pinkfarbene Aufschrift. Und sie wird zu meinem ständigen Begleiter.

Irgendwann an dem Abend war ich einmal in allen Zimmern, habe meine eigene Tasche endlich aus dem Auto geholt und will mich gerade daran setzen, mein „Tagebuch“ mit Erlebnissen zu füllen, als es an die Zimmertür klopft. Aus den letzten Jahren weiß ich, dass immer mindestens ein kleines Stück Welt untergeht, wenn es an der Tür klopft. Bevor es ein zweites Mal klopft, habe ich die Tür schon aufgerissen. Kopf- und Heimweh. Mit einer Tablette, einem Nachtspaziergang und einer Bettwache wird das kleine Geschöpf endlich vom Schlaf heimgesucht. Es ist 01:00 Uhr nachts, als ich endlich mein Zimmer wiedersehe – und auf den ersten Tagebucheintrag verzichte.

Am nächsten Morgen fühle ich mich wie gerädert, aber stehe pünktlich um 08:00 Uhr vor dem Speisesaal. Kazoo parat und von den Küchenfeen darüber in Kenntnis gesetzt, dass die Ampel an der Wand ein Dezibelmesser ist. Eine dunkle Vorahnung hat dies schon anklingen lassen. Vielleicht war es auch Stefan, der gleich am ersten Abend festgestellt hat, dass unter der roten Leuchte auch noch eine gelbe und grüne hängen – die jedoch aus sind, was ein Anzeichen für den permanenten Lärm sein könnte. Ich verkünde also völlig übermotiviert, dass wir es gemeinsam schaffen wollen, wenigstens einmal nur das grüne Licht leuchten zu lassen. Die Kinderaugen glänzen. Doch sie glänzen nicht, weil sie das gemeinsame Ziel total toll finden, sie haben schlichtweg Hunger. Als ich das Frühstück freigebe, leuchtet die Ampel wieder rot. Das Frühstück freigeben – wie bitteschön hat sich Marc die Reihenfolge der Tische gemerkt? Immer gerecht die Reihenfolge zu ändern, damit bloß nicht ein Tisch zweimal hintereinander erster, zweiter oder dritter Tisch ist. Glücklicherweise merken es sich die Kinder ganz genau und so werde ich mehr als einmal in Form eines unmittelbaren Änderungsantrags auf die korrekte Reihenfolge hingewiesen: „HÄÄÄ?! WIESO DAS! Die waren doch erst als erste dran!!“

Ja, wieso das? Na weil sich der „Oberthal Boss“ einfach die Reihenfolge nicht gemerkt hat. Also spontan umstellen. Klappt, guten Appetit.

Der Morgen beginnt mit dem Sportabzeichen bei Stefan und Philipp, einem Dance-Workout mit Daniela und Angelika und mit Jonathan und Simon werden Handabwehrtechniken trainiert. Ich werde meiner Aufgabe als Boss gerecht und mache erstmal gar nichts – außer Fotos.

So habe ich aber auch Gelegenheit, mir die Sportabzeichenabnahme mal genauer anzusehen. Handabwehr mit Tennisbällen – auch immer eine hervorragende Idee. Und Tanzen – mit 15 jährigen Jungs?

Jugendlager 2

 

„Die haben so richtig gut mitgemacht, das ist der Wahnsinn! Ich bin so stolz, sogar die Jungs haben echt voll motiviert mitgetanzt.“

Daniela ist nach ihrem Workout aus dem Häuschen und ihre Freude steckt mich an.

Nicht nur mich, denn offenbar gibt es auch andere Mädels jüngeren Alters, die das ziemlich cool finden.

Jugendlager 3

 

Essen. Beim Essen muss ich immer irgendwelche Regeln erklären. „Kein Alkohol auf dem Zimmer, sonst löst der Brandmelder aus“ ist nur eine davon. Schlafenszeit, Deogebrauch, „Mein-Dein-Verhältnisse“ – alles das sind Regeln, die ich nach und nach vortrage. Wer sich nicht daran hält, muss Küchendienst machen. Es gibt auch Kinder, die den Küchendienst freiwillig machen – aus den unterschiedlichsten Gründen. Vor allem aber wegen des Lutschers, den es danach von den Küchenfeen gibt. Womit wir beim Thema Zucker wären.

Bis zum 7. Oktober 2017 war mir nicht klar, dass zwischen Zucker und Unordnung eine direkte Abhängigkeit besteht. Das tut es! Je mehr Süßigkeiten pro Kopf verbraucht werden, desto mehr Müll liegt auf dem Tisch, unter dem Tisch, neben dem Tisch, neben dem Mülleimer, im Bad, unter, in und neben den Betten.

8. Oktober 2017, Ciao Stimme! Das ist aber nicht so schlimm: Daniela trägt für mich die Regeln weiter vor und sortiert die Essreihenfolge der Tische ein (Riesenbonus, wenn man stumm ist). Der Sonntag bietet auch noch so Einiges: Neben Outdooraktivitäten und dem Ablauf der Abgabefrist für das „Ju-Jutsu Kunstwerk“, welches für den Erwerb des Sportabzeichens unerlässlich ist, steht der „Stressparcours“ auf dem Programm. Die Aufgabe ist es, eine Handtasche oder einen Rucksack von einem Kellerraum in den anderen Kellerraum zu bringen – quer durch das ganze Gebäude hindurch. Dabei erlebt man so mancherlei Seltenheiten. Während die Kleinen auf hilflose Personen treffen, denen sie gerne mit aufrichtigen Ratschlägen aushelfen: „Man darf hier keine Glasflaschen reinbringen!“, werden die Großen Zeugen eines Verbrechens, das sie auf verschiedene Arten lösen.

Jugendlager 4

Ein tapferer Kämpfer rast gar mit einer beispiellosen Handtaschenhaltung in Bestzeit durch den Parcours, was teilweise dem Umstand geschuldet ist, dass es mittlerweile 18:20 Uhr ist und es zehn Minuten später Essen gibt. Essen und eine kleine Ansprache von Daniela – ich trage nur meine Bossjacke und mache ein schlaues Gesicht – in der sie das Mannschaftsfoto und eine kleine Überraschung ankündigt. Es werden nämlich die Sportabzeichen verliehen – bestehend aus einem Aufnäher und einer Urkunde.

Wenn ich an einem der vier Tage Zeit gefunden hätte, mein Tagebuch tatsächlich zu führen, dann hätte man jetzt ganz andere Details im Bericht finden können: Was man mit einem Filzstift, den man im Flur findet, anrichten kann. Wie man eine Toilettenspülung repariert, obwohl man davon überhaupt keine Ahnung hat. Wie man fünf Mädchen dazu bringt, ihr Zimmer aufzuräumen, obwohl sie dazu überhaupt keine Lust haben. Wie man eine Mütze Schlaf kriegt. Wie man unverhofft an Medikamente kommt, um eine Kehlkopfentzündung einzudämmen. Dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die nur in Schullandheimen passieren und auch dort bleiben sollten.

Ich hatte nicht alles dabei – es gibt Fälle, auf die kann man gar nicht vorbereitet sein. Aber es war ein richtig tolles Wochenende und ich freue mich auf nächstes Jahr, wenn es wieder heißt: JUGENDLAGER IN OBERTHAL!

Psst: Das ist übrigens vom 28.09. – 01.10.2018

Eure Melanie

Jugendlager 5

   
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